Die Möglichkeit der Insel

Die Möglichkeit der Insel – Abschlussarbeit Ostkreuzschule für Fotografie (2014)

Fragt man in Berlin jemanden nach der Torstraße, würden die wenigsten ahnungslos auf ihrem Smartphone nachschauen.
Die zwei Kilometer lange Straße kennt jeder. Schließlich befinden sich auf ihr zahlreiche kulturelle und soziale Sammelpunkte. Orte des Zusammenkommens – sei es zum Essen, auf ein Feierabendbier oder zum Flanieren. Am Wochenende schieben sich Touristenmassen über die Torstraße, um sich in großen Schwärmen von einer Bar zur nächsten zu bewegen – die Straße scheint einfach nie zu ruhen. Und doch beherbergt die Torstraße Hunderte, ja wenn nicht sogar Tausende Einwohner der Stadt Berlin. Sie schauen vielleicht aus dem Fenster, während man am Rosenthaler Platz in einem der vielen U-Bahn Schächten verschwindet. Meistens bleiben sie ungesehen.

Auf der Torstraße hat sich in den vergangen Jahrzehnten viel getan. Nur noch wenige Bauten bezeugen den Verfall einer geteilten oder vom Krieg zerstörten Stadt. Bestes Beispiel für die wirtschaftliche und architektonische Veränderung ist das ehemalige, jüdische Kaufhaus Jonaß & Co. Heute besser bekannt als Soho House. Hier residieren besser betuchte Geschäftsleute aus dem Ausland, sofern sie über eine der begehrten Mitgliedschaften verfügen. Das Prinzip der Exklusion zieht sich generell durch Berlin und so verschont es auch die Torstraße nicht. Kaum bezahlbar scheint der Wohnraum hinter den voll sanierten Architekturkomplexen, die die Straße zunehmend säumen. Gentrifizierung ist das Stichwort.
Erst kürzlich räumte die Polizei eine besetzte, denkmalgeschützte Wohneinheit in der Torstraße und verriegelte sie endgültig. Hier hatten Obdachlose, Punks und Gastarbeiter Unterschlupf in den insgesamt 88 Wohnungen gesucht. Lediglich acht Wohnungen sind noch offiziell bewohnt.

In einer dieser Wohnungen lebt Herr Wolle. Als ganz besonderer Bewohner ist er das Herzstück dieser Arbeit. Seit seiner Kindheit ist die Torstraße sein Zuhause. Mit 75 Jahren hat Herr Wolle die vielen Wendepunkte der Torstraße erlebt. Er ist Zeitzeuge der Nachkriegszeit, des geteilten Berlins, der Wende, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Moderne.
Früher lebte er hier mit seinen Eltern und zwei Brüdern. Als sie gingen, kamen neue Bewohner: Dinosaurier, Teddybären und Gartenzwerge. Erst ein paar von ihnen und schließlich Hunderte. In allen denkbaren Formen und Farben.
Herr Wolle passt gut auf seine Mitbewohner auf. Er spricht mit ihnen, umsorgt sie und achtet darauf, dass jeder von ihnen seinen eigenen Platz hat. Sie sind seine Familie und so werden sie auch behandelt: mit viel Liebe und Aufmerksamkeit.

Betritt man Herrn Wolles Wohnung beginnt eine Reise. So vieles gibt es zu entdecken. Und wann immer man glaubt, alles gesehen zu haben, überrascht ein neues faszinierendes Detail. Schaut man, gemeinsam mit Herrn Wolle und seinen Mitbewohnern, nachts aus dem Fenster, fällt der Blick auf eine der vielen Bars der Torstraße. Hier haben sich ganze Trauben an angetrunkenen, aufgeregten Partygästen versammelt. Sie sind auf dem Sprung in die nächste Bar oder zu einer anderen Party. Nur selten blickt einer zurück zu Herrn Wolle und so bleibt er ein unsichtbarer Beobachter des nächtlichen Treibens vor seinem Fenster.

Herr Wolles Wohnung ist die Möglichkeit einer Insel in einer hektischen, modernen Welt. Ein Rückzugsort, an dem andere Gesetze herrschen. Ein lebendiger, dynamischer Lebensort, der trotz allem unverändert bleibt und damit Stabilität in einer sich ständig verändernden Umgebung bietet. Vielleicht das letzte Stück unsanierte Insel auf einer zwei Kilometer langen Straße im Zentrum einer Großstadt.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Insel schwinden wird. Zu attraktiv ist die Lage, in der sie sich befindet. Investoren wissen das schon längst und werden, wie oft zuvor, ihr wirtschaftliches Interesse durchzusetzen verstehen. Dieses Interesse berücksichtigt vermutlich keinen Platz für Menschen wie Herrn Wolle. So soll diese Arbeit ein Denkmal setzen. Ein Denkmal für das alte Berlin, das zu schnell im Fortschritt zu verschwinden scheint.
Doch besonders sollen die Bilder Herrn Wolle bewahren. Als Zeitzeugen, als Sammler, als Bewohner dieser Stadt, als Mitbewohner, als Freund, als Sohn, als Bruder.

Einfach als Mensch.